Monatszitat Juli 2021

In einer Diskussion erklärte ein Student ausdrücklich, dass für ihn der Wortlaut des Neuen Testaments nicht mehr von Interesse sei. Er halte dagegen die Bultmannschen Thesen für eine neue und bessere Grundlage des Glaubens. Der Student ging natürlich nicht mehr in irgendeine exegetische Vorlesung. In einer Prüfung im Neuen Testament ergab sich, dass ein ganzer Kurs nicht mehr Evangelien studiert hatte und ich über das Lukas-Evangelium keine Auskunft mehr bekommen konnte. Der anwesende Kirchenrat, dem ich diese Situation aufzeigte, antwortete: "Bitte, prüfen Sie keine Synoptiker, Sie sehen ja, dass sich die Studenten dafür nicht interessieren. Prüfen Sie doch Paulus, das ist ein Gebiet, auf dem sie sicher Bescheid wissen." Ich antwortete promt: "Herr Kirchenrat, in einer solchen Situation habe ich noch niemals früher gestanden. Ich glaube nicht, dass die Deutschen Christen mir eine solche Forderung gestellt hätten." Ich liess den ganzen Kurs nach einem halben Jahr noch einmal antreten, um Evangelien zu prüfen. Besonders die Söhne pietistischer Kreise waren die eifrigsten Existentialisten geworden.

 

Otto Michel, Anpassung oder Widerstand. Eine Autobiographie