Monatszitat September 2021

Die Vorstellung des Todes Jesu als eines umfassenden Sühnegeschehens, als eines unsere Schuld, ja die des ganzen Kosmos sühnenden Todes, als einer universalen Versöhnung ist in vielfältiger Weise im Neuen Testament bezeugt und bildet mit Recht das Zentrum der christlichen Dogmatik. Die Christologie in all ihren Schattierungen ist auf dieses Versöhnungsgeschehen bezogen, und die christliche Rechtfertigungslehre ist die direkte Konsequenz dieser Sühnelehre.

Umso beunruhigender ist die Beobachtung, dass die spezifische Sühnelehre in den verschiedenen Formen moderner Theologie immer mehr in den Hintergrund tritt, dass man sich heute schwer tut, in einer klaren Vorstellung das zu fassen, was die biblische Überlieferung Sühne nennt, zumal eine dogmatische Satisfaktionslehre mit dem biblischen Gedanken der Sühne nicht einfach verwechselt werden darf, ja dass die Ansicht immer häufiger vertreten wird, der Gedanke einer Sühne, vor allem veranschaulicht als kultische Sühne durch das Blut, sei für einen modernen Menschen schlechthin unvollziehbar.

 

Hartmut Gese, Zur biblischen Theologie