Monatszitat November 2019

Die Gipfel der westlichen Kultur mögen heute von Leuten bevölkert sein, die das Christentum als Aberglaube abtun - ihre Annahmen und Gefühle sind gleichwohl christlich. Sollte Gott tatsächlich tot sein, dann flackert sein Schatten, gewaltig und furchteinflössend, noch immer, auch wenn sein Leib erkaltet ist.

Dem auferstandenen Christus kann man sich nicht einfach entziehen, indem man sich weigert, an ihn zu glauben. Dass die Verfolgten und Benachteiligten Forderungen an die Privilegierten haben (was heute im Westen weitgehend als Fakt angenommen wird), ist keineswegs eine selbstevidente Wahrheit. Ächtungen des Christentums als patriarchal oder repressiv oder hegemonial gründen auf Werten, die selbst ausgesprochen christlich sind.

Die Vertrautheit mit der christlichen Erzählung hat uns unempfindlich gemacht für das, was Paulus und Nietzsche, jeder auf seine Weise, instinktiv darin erkannt haben - den Skandal. Das Kreuz, dieses alte Instrument imperialer Macht, bleibt, was es immer gewesen ist: Symbol einer tiefgreifenden Transfiguration in den menschlichen Angelegenheiten. "Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist." Es ist diese Kühnheit, in einem schmerzverzerrten und bezwungenen Körper die Herrlichkeit des Schöpfers zu sehen, die zuverlässiger als alles andere die ganze Eigentümlichkeit des Christentums erklärt und der Zivilisation, die aus ihm hervorgegangen ist.

 

Tom Holland, Dominion - The Making of the Western Mind

(dt. Übersetzungsauszug aus Weltwoche 43/2019, S.55)