Monatszitat Oktober 2019

Als die alten Liberalen den Häresien die Knebel abnahmen, erhofften sie sich davon religiöse und philosophische Entdeckungen. Nach ihrer Meinung war die ganze Wahrheit so wichtig, dass jedermann aufgerufen war, sich dazu in eigener Person zu äussern. Heute hält man die ganze Wahrheit für so unwichtig, dass alles, was dazu gesagt wird, gleichgültig ist. Damals liess man dem Denken freien Lauf wie man einen edlen Jagdhund von der Leine lässt; heute überlässt man das Denken sich selbst wie einen ungeniessbaren Fisch, den man ins Meer zurückwirft. Niemals ist über das Wesen des Menschen so wenig diskutiert worden wie heute, da zum ersten Mal jedermann darüber reden darf. Die alte Einschränkung bedeutete, dass nur die Rechtgläubigen über Religion reden durften. Die moderne Freiheit bedeutet, dass niemand mehr darüber reden darf. Der gute Geschmack, der letzte und schändlichste aller abergläubischen Zwänge, hat geschafft, was allen übrigen versagt blieb: uns erfolgreich den Mund zu stopfen.

 

Gilbert Keith Chesterton, Ketzer