Monatszitat September 2018

Es ist eine zeitlang Mode gewesen, bei der Behandlung historischer Fragen, insonderheit auf dem Gebiete der Religion, die eigene Religion möglichst sorgfältig hintanzustellen und den Schein zu erwecken, als wäre man in bezug auf die Religionen ganz ohne Vorurteil. […] Allmählich fängt man allerseits an einzusehen, dass der Mensch auf einer bestimmten Weise in der Welt ist und dass […] ein „vorurteilsloses“ Verfahren nicht bloss unmöglich, sondern geradezu verhängnisvoll ist. Denn es verhindert, dass die ganze Person des Forschers an die wissenschaftliche Aufgabe gesetzt wird. Und gerade wenn der Forscher nicht ein bewusster Anhänger irgendeiner Religion ist, sondern Eklektiker oder Agnostiker, m.a.W. wenn er um seine Religion (die er hat!) nicht weiss, – wirkt der Versuch verhängnisvoll, indem für die Durchdringung eines religiösen Stoffes gerade die lebendigen religiösen Regungen des Forschers ausser Dienst gestellt werden; dieses Ausserdienststellen ist überdies nur eine Scheinbewegung, denn kein Mensch kann sich von seinem In-die-Welt-gesetzt-sein losmachen; der einzige Erfolg ist ein „vorurteilsfreies“, d.h. verständnisloses Verfahren, das in allen seinen Teilen normiert wird von einer wissenschaftlich nicht klargewordenen und daher völlig unkontrollierbaren und indiskutablen religiösen Einstellung. Denn die „vorurteilsfreien“ Forscher pflegen in der Regel ohne weiteres von einer Auffassung der Religion auszugehen, die einem liberalen westeuropäischen Christentum oder dem Aufklärungsidealismus, oder aber dem sog. naturwissenschaftlichen Monismus entlehnt ist.

 

Gerardus van der Leeuw, Phänomenologie der Religionen