Monatszitat Juli 2019

Da die Annahme der Unvereinbarkeit von Naturwissenschaften und Wundern in einigen Kreisen sehr weit verbreitet war, stellt sich die Frage, wie sie sich verbreiten konnte. Auch bei späteren Theologen, etwa Ernst Troeltsch und Rudolf Bultmann, tritt sie in der gleichen Form auf wie bei Schleiermacher, nämlich mit starker Überzeugung und ohne einen nachvollziehbaren, begründeten Gedankengang. Der Tenor ist: Man kann heute nicht mehr an Wunder glauben, angesichts der Naturwissenschaft und angesichts der Moderne. Anscheinend übernimmt einer vom anderen diese Überzeugung und glaubt dabei, dass sie rational und begründet sei, obwohl er selbst den Grund nicht sieht. Obwohl keiner starke Gründe für diese Annahme hat, glaubt jeder, dass starke Gründe für die Annahme existieren und dass einige diese kennen. Wie bei einer auf Augenzeugenberichten beruhenden Annahme verlässt man sich darauf, dass jemand die Gründe gesehen hat. Doch Rechtfertigung entsteht dadurch nicht.

 

Daniel von Wachter, Friedrich Schleiermachers Theologie ist nicht rational

(in Sven Grosse [Hg.], Schleiermacher kontrovers)