Monatszitat April 2020

Zuerst einmal hat die Panikwelle, die ganz Italien zum Erliegen brachte, deutlich gezeigt, dass unsere Gesellschaft an nichts mehr glaubt ausser an das nackte Leben. Es ist offensichtlich, dass die Italiener angesichts der Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, praktisch alles zu opfern bereit sind, die normalen Lebensbedingungen, die sozialen Beziehungen, die Arbeit, sogar die Freundschaften, die Gefühle, die religiösen und politischen Überzeugungen. Das nackte Leben – und die Angst, es zu verlieren – ist nicht etwas, was die Menschen verbindet, sondern was sie trennt und blind macht.

[...] Die Toten – unsere Toten – haben kein Anrecht auf eine Beerdigung, und es ist nicht klar, was mit dem Leichnam von Menschen geschieht, die uns lieb und teuer sind. Der Mitmensch wurde ausgelöscht, und es ist merkwürdig, dass die Kirchen hierzu schweigen.

 

Auszug aus: Giorgio Agamben, Nach Corona:
Wir sind nurmehr das nackte Leben (NZZ, 18.03.20)