Monatszitat Oktober 2018

Die Bibel ist das "fremde Wort Gottes", das der Mensch sich nicht selbst sagen kann. Der Gedanke, dass sie dazu für den Einzelnen naturgemäss erst durch einen Auslegungsprozess wird, bleibt ganz im Hintergrund. Bonhoeffer geht davon aus, dass es Gott selbst war, der bestimmt hat, sich im Wort der Bibel vom Menschen finden zu lassen. "Die ganze Bibel will also das Wort sein, in dem Gott sich von uns finden lassen will". Bonhoeffer ist sich bewusst, so etwas wie ein sacrificium intellectus zu bringen, wenn er darauf verzichtet, in der Bibel zwischen Gottes- und Menschenwort zu unterscheiden, d.h. wenn er Sachkritik an der Bibel ablehnt. Gerade einer unverständlichen, bzw. anstössigen biblischen Textstelle möchte er in der Gewissheit begegnen, "dass auch sie sich eines Tages als Gottes eigenes Wort offenbaren wird". Dahinter steckt die Befürchtung, Gottes fremdes Wort sonst zum Verstummen zu bringen und in einer theologisch zurechtgestutzten Bibel doch nur wieder einem göttlichen Doppelgänger seiner selbst zu begegnen. Unübersehbar ist Bonhoeffer daran gelegen, an einer gewissen Objektivität des Wort-Gottes-Charakters der Bibel festzuhalten.

 

Peter Zimmerling, "Dietrich Bonhoeffers Hermeneutik"

(in ThBeit 49 [2018])